Sicherlich dachte sich der Schrotthändler Devair Alves Ferreira nichts böses, als er das blaue, leuchtende Pulver an seine Freunde und Verwandte in Goiânia verschenkte. Doch zu aller Unglück handelte es sich dabei um das hochradioaktive Caesiumchlorid. Wie er zu dem Material kam und wie die Geschichte weiterging, lest Ihr hier.

Zwei Müllsammler auf Irrwegen

Es war der Abend des 13. September 1987 als die beiden Müllsammler Wagner Pereira und Roberto Alves in die verlassene Strahlenklinik Instituto Goiâno de Radioterapia im brasilianischen Goiânia eindrangen. Wie Goldsucher bei der Erkundung eines neuen Claims waren auch der 19-jährige Pereira und sein Freund voller Hoffnung auf wertvolle Materialien. Sie wurden nicht enttäuscht und fanden – hinter einer schweren Panzertür versteckt – ein altes Strahlentherapiegerät.

Strahlentherapiegerät

So ähnlich könnte das gefundene Gerät ausgesehen haben. Mitgenommen wurde nur der Strahlungskopf, Quelle: Wikipedia/Egg

Da der Apparat mehrere Tonnen wog, waren sie gezwungen, ihre Beute auf möglicherweise wertvolle Bauteile zu beschränken. Also brachen sie das Gerät auf. Als ihre Augen auf einen glänzenden Stahlzylinder von einem halben Meter Durchmesser stießen, erhellten sich ihre Gesichter. Mit ihrer Schubkarre transportierten sie das vermeintlich wertvolle, 130 Kilogramm schwere Objekt zum Hinterhof von Alves‘ Wohnung. Dort bearbeiteten sie ihr Fundstück tagelang mit Hämmern, um es zu öffnen. Doch der Lohn ihrer Mühe, blieb ihnen versagt. Also verkauften sie die Kapsel an den Schrotthändler Devair Alves Ferreira für umgerechnet 25 Dollar.

Ein Schrotthändler sieht blau

Eines Nachts wachte Ferreira auf, ging nach draußen und bemerkte, dass ein heller blauer Schein aus seiner Scheune drang. Als er der Spur nachging, machte er das zuvor von ihm in den Stahlzylinder gebohrte Loch als Lichtquelle aus. Was mochte nur darin sein? Vielleicht etwas übernatürliches oder extraterrestrisches? Er ließ den Behälter aufbrechen und entdeckte einen Stein. Als er ihn berühren wollte, zerfiel dieser zu feinem Puder, das im Dunkeln glimmte und im hellen glitzerte.

So könnte das Cäsium-Pulver ausgesehen haben

Cäsium-Pulver

Der gutmütige Mann dachte zuerst daran, seiner Frau einen schönen Ring aus Teilen des Leuchtsteins fertigen zu lassen. Auch Nachbarn und Verwandten gegenüber zeigte er sich sehr großzügig. Als diese ihn die nächsten Tage besuchten, präsentierte er ihnen stolz seinen Fund und gab ihnen etwas mit. Sie bemalten mit dem Staub ihre Körper, schminkten sich damit, trugen ihn auf die Kleidung auf und ließen ihre Kinder damit spielen. Noch ahnte niemand von ihnen, dass sie sich gerade einer gefährlichen Dosis des hochradioaktiven Cäsium-137 aussetzten.

Verbreitung des Materials über Goiânia hinaus

Das fluoreszierende Puder erfreute sich allergrößter Beliebtheit und verbreitete sich in Windeseile – nicht nur in Goiânia, sondern auch darüber hinaus. Denn Ferreiras Bruder Odesson war Busfahrer, sodass auch dessen Fahrgäste ungewollt mit dem Cäsium in Kontakt kamen und die Partikel weiter trugen. Doch auch wegen ihrer Eigenschaft, Feuchtigkeit anzuziehen, verbreitete sich die strahlende Substanz schnell weiter. Denn so klebte sie unbemerkt an den Menschen, die damit in Berührung kamen, sodass viele weitere Brasilianer erhöhten Strahlungswerten ausgesetzt waren.

Am 25. September verkaufte Ferreira die Kapsel, die das tödliche Material beherbergte weiter an einen anderen Schrotthändler und so zog sich die radioaktive Spur weiter durch Brasilien. Sogar in Sao Paulo, das 800 Kilometer vom Fund der Kapsel entfernt liegt, wurden noch Cäsium-Spuren entdeckt. Wenig überraschend wurden Ferreira sowie dessen Familie und Freunde krank, litten an Durchfall und Übelkeit. Die befragten Ärzte glaubten zunächst an eine Tropenkrankheit und schickten die Hilfesuchenden ins Tropeninstitut .

Böses Erwachen

Doch irgendwann dämmerte es Maria Ferreira – ihr kam der Gedanke, dass das hübsche Pulver für die Leiden verantwortlich war. Also packte sie das Cäsium in eine Tüte und bestieg den Bus zum örtlichen Krankenhaus, um es den Ärzten vorzulegen. Da dieses allerdings nicht über die erforderlichen Messgeräte verfügte, zogen sie am Folgetag den Physiker Walter Mendes Ferreira zu Rate. Noch bevor dieser die Klinik erreichte, begannen seine Instrumente heftig auszuschlagen. Da er das für einen Fehler hielt, kehrte er zu seinem Büro zurück und tauschte das Gerät aus. Nachdem auch dieses ausschlug, war er überzeugt, dass eine enorme Strahlungsquelle in der Umgebung existieren musste. Das Gelände wurde umgehend evakuiert.

Goiânia

Goiânia im Jahr 2006, Quelle: Wikipedia/ Guilherme Morais

Nachdem die Wissenschaftler von den Betroffenen über den Hergang der Verbreitung des Materials informiert wurden, konnten Personen unter Quarantäne gestellt und Dekontaminierungsmaßnahmen eingeleitet werden. Mit 550 Beteiligten gestaltete sich diese sehr ressourcenintensiv. Es wurden unzählige Menschen untersucht, Häuser evakuiert und mit speziellen Geräten dekontaminiert. Die Dächer von Häusern wurden gewaschen oder in Einzelfällen abgerissen, Pflanzen sowie Bäume beschnitten und Erde von Gärten und Parks abgetragen. Insgesamt wurden 3.500 Kubikmeter verseuchtes Material entfernt.

Parallel zu der Dekontaminierungsphase ereigneten sich nach offiziellen Angaben vier Todesfälle infolge der überhöhten Strahlung, darunter auch die Frau des Schrottplatzbesitzers. Anderen Erkrankten mussten Gliedmaßen amputiert werden, so wie Roberto Alves, einem der beiden Finder der Kapsel. Neben den unmittelbaren Folgen kommt es noch bis heute zu Missbildungen und Erbschäden in Goiânia.


Was sagt Ihr zu dieser unglaublichen Geschichte? Hättet ihr es für möglich gehalten, dass zwei Müllsammler auf diese Weise einen ganzen Landstrich verseuchen können? Wir sind gespannt auf Eure Kommentare!


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About Author

Mich faszinieren besonders politische sowie wirtschaftliche Zusammenhänge in der Welt. Dazu recherchiere ich gern selbst und werde euch die Früchte meiner Arbeit regelmäßig präsentieren. Außerdem liebe ich Filme, sodass ihr euch auch auf das ein oder andere Review freuen dürft.