Zwei Tage Katmandu sind nach knapp drei Wochen im Himalaya ein Wellness-Trip für den Körper. Oder zumindest für das Körpergewicht. Das Essen schmeckt endlich wieder. Lest auch Teil eins, Teil zwei und Teil drei meiner Reise.

Willkommen in den Subtropen

Ich will mich nicht beschweren über unsere Sherpa-Begleiter, die das Essen 17 Tage lang mit sich herumgetragen und abends zubereitet haben. Harte Arbeit! Und dabei waren sie immer nett zu uns, wir haben ihnen hin und wieder eine Zigarette zugesteckt und zum Abschied ein schönes Trinkgeld zusammengelegt. Aber wer mal zweieinhalb Wochen lang fast immer dasselbe gegessen hat mit dem ständigen Begleitgeschmack verbrannten Knoblauchs, und das permanent in mehr als 4.000 Metern Höhe, sehnt sich nach allem Essbaren, das es gibt.

Gegen den ausdrücklichen Rat des Reiseführers, der uns Katmandu zeigen wird, strömen wir nach der Ankunft in die Restaurants und Burgerläden im Touristenviertel Thamel, wo sich auch unser Hotel befindet. Einen besseren Burger hatte ich wahrscheinlich noch nie. Dabei habe ich immer den Song „Katmandu“ von Bob Seger im Ohr, der 1975 darüber gesungen hat, dass er einfach gern abtauchen und in die nepalesische Hauptstadt verschwinden würde: „K-K-K-K-K-K Katmandu, I think that’s really where I’m going to!“ Rock ’n‘ Roll und Burger, Baby! Draußen heizt die Spätoktobersonne die staubigen Straßen der chaotischen Stadt auf. Willkommen in den Subtropen.

In Katmandu regiert das Chaos, aber die Stadt funktioniert trotzdem

Wer einmal gesehen hat, wie die Stromleitungen in Katmandu verlaufen, wundert sich, dass die Stromausfälle meistens nur wenige Stunden andauern. Jeder mitteleuropäische Elektriker würde angesichts dessen ohnmächtig werden. Chaos in Sachen Stromversorgung, Chaos auf den Straßen, Chaos bei den Fußgängern, die mangels Bürgersteige auf eben diesen Straßen zahllos umherlaufen. Aber die Stadt funktioniert dennoch irgendwie. Besonders, was die Beseitigung der Toten angeht.

Stromkabel in Katmandu

Kabelsalat? Kein Wunder, dass es hier öfter mal zum Stromausfall kommt

Das erfahren wir am nächsten Vormittag, als uns ein kleiner Bus zum Tempelkomplex von Pashupatinath bringt, der zu den wichtigsten im Hinduismus gehört. Er liegt am heiligen Fluss Bagmati. Noch während wir uns dem Tempel nähern, bittet uns der Reiseführer, möglichst keine Fotos zu machen, schließlich handelt es sich um religiöse Riten. (Ein paar unauffällige Schnappschüsse werden mir dennoch gelingen.) Gleichzeitig wabert ein süßlicher Duft durch die Lüfte. Nach und nach wird klar, was hier passiert.

Ab in den Fluss

Unter lautem Wehklagen tragen Familien Leichen aus einer benachbarten Halle ans Flussufer – wir stehen nur wenige Meter entfernt – und legen sie auf Scheiterhaufen. Die Toten sind in gelbe Tücher gewickelt, auf der einen Seite gucken tatsächlich die Füße raus. Es folgt ein hinduistisches Ritual, dann steckt jemand den Scheiterhaufen an diversen Stellen an. Das normale Holz wird mit Sandelholz aufgefüllt, das diesen süßlichen Geruch erzeugt, wenn die Flammen erstmal züngeln. Ganz gut so, sonst würde es nach brennendem Menschenfleisch riechen. Nach ein paar Stunden sind die Leichname zu Asche zerfallen, die in den Bagmati geschoben wird. Nur ein paar Meter weiter flussabwärts entnehmen Frauen Flusswasser für den Haushalt, auch Kinder baden dort. Ein bizarres Bild für uns Mitteleuropäer.

Leichenverbrennung am heiligen Fluss

Leichenverbrennungen am heiligen Fluss in Katmandu

Am Nachmittag geht es weiter in den Stadtteil Bodnath, wo sich ein 36 Meter hoher Stupa befindet, einer der größten überhaupt. Im Uhrzeigersinn umrunden die Gläubigen das riesige Bauwerk, von oben blicken Buddhas Augen streng auf sie herab. Wir sitzen etwas erhöht auf einer Terrasse und blicken auf die gewaltige Bergkette, die sich in nur 80 Kilometer Entfernung im Norden erhebt – die Südflanke des Himalaya. Da sind schon einige Sechs- und Siebentausender zu sehen. Dazu wird ein leckeres Essen serviert und ein schönes Bier vom Fass – was könnte man mehr wollen als das!

Katmandu by night

Zwar steht auch am nächsten Tag, dem letzten vor dem Rückflug, noch Sightseeing in Katmandu an, aber zuvor wollen wir natürlich auch das sagenumwobene Nightlife der Stadt kennenlernen. Allerdings sollte man sich dabei auf das Ausgehviertel Thamel beschränken, so wird uns jedenfalls geraten. Als Europäer ist man in anderen Stadtvierteln auch nicht unbedingt sicher, in Katmandu herrscht fast überall bittere Armut. Überhaupt ist Nepal das ärmste Land der Welt, das sich nicht auf dem afrikanischen Kontinent befindet. Draußen, auf dem Land, haben die Menschen so gut wie nichts, und damit sind die bewohnten Täler rund um die Achttausender gar nicht gemeint. Schließlich sind dort fast ganzjährig Bergsteiger, Trekkingtouristen und Co. unterwegs, die Geld in das Land bringen. Das ist auch der Grund, warum man als Westler kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn der Reiseveranstalter lokale Träger organisiert, die die Rucksäcke schleppen. Etwa vier Trekkingtouren pro Jahr sichern einem Träger das Jahreseinkommen für die Familie. Nein, die wahre Armut herrscht in der Tiefebene im Süden, in Richtung indische Grenze.

Thamel platzt vor lauter Gaststätten, Bars und Nachtclubs aus allen Nähten, fast könnte man meinen, man bewege sich nicht durch Katmandu, sondern durch Berlin-Kreuzberg. Hier ein Musikcafé, dort eine Bergsteigerkneipe, da drüben ein Restaurant mit japanischer, thailändischer oder italienischer Küche. Dazwischen ein Irish Pub, ein Reggae Café, eine Cocktailbar und so weiter. Wir entscheiden uns für Sam’s Bar, von der es heißt, dass dort hin und wieder auch richtige Alpinisten ihre Biere und Shots nehmen. Zwar treffen wir hier weder die Huberbuam noch Ueli Steck und schon gar nicht Reinhold Messner. Aber die Atmosphäre ist großartig, das Fassbier läuft und wir tauchen ein in das Nachtleben dieser faszinierenden Stadt.

Tempel der Affen

Anderntags geht es mit dem Bus nach Swayambunath, wo hinduistische und buddhistische Tempelanlagen friedlich nebeneinander existieren und Gläubige beider Religionen anziehen. 365 Stufen führen von unten hinauf auf den Berg, der von den Einheimischen auch „Tempel der Affen“ genannt wird. Am Fuß der Erhebung gibt es eine steinerne Platte mit Buddhas Fußabdrücken. Schon nach wenigen Metern wird klar, weswegen hier von Affen die Rede war: Die Hänge, die zu den 2.500 Jahre alten Swayambunath-Tempeln hinaufführen, sind gesäumt mit unzähligen Familien wild lebender Meerkatzen. Und die können ziemlich aufdringlich werden, vor allem, wenn sie merken, dass man etwas Essbares dabei hat.

Swayambunath, Tempel der Affen

Swayambunath – hier begegnen sich Hindus und Buddhisten bei ihren Gebeten und Riten

Die Tempel selbst sind absolut beeindruckend, genauso wie das Panorama, das sich vom weitläufigen Gelände aus bietet. Wie ein riesiger Moloch liegt Katmandu unter mir. An den Rändern wuchert die Stadt immer weiter aus, die Einwohnerzahl steigt um mehr als 100.000 pro Jahr. Die Stadtverwaltung kommt natürlich nicht hinterher, die Infrastruktur an dieses Megawachstum anzugleichen. Die Armut nimmt immer weiter zu, die Hygienebedingungen verschlechtern sich. Touristen wie uns werden diese Seiten aber vorenthalten.

Stromausfall zum Abschied

Die letzte Attraktion, dir wir zu sehen bekommen, ist der Amideva Buddha Park. Drei riesige, vergoldete Buddhastatuen bewachen den Eingang zum Park; sie sitzen hier erst seit wenigen Jahren. Das Gold glänzt in der Sonne vor dem dunkelblauen Himmel über der Stadt. Aber so richtig ist aus der Gruppe niemand mehr bei der Sache, einem letzten Abend in Thamel folgt am kommenden – natürlich frühen – Morgen der Rückflug nach Deutschland. Die abendliche Dusche im Hotel ist nicht nur erfrischend, sondern auch aufregend, weil der Strom ausfällt, während ich unter der Brause stehe. Erst nach etwa 30 Minuten gibt es wieder Elektrizität.

Ich hake dieses Erlebnis unter „muss man auch mal mitgemacht haben“ ab und verbringe den letzten Abend mit der Gruppe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Katmandu und Nepal sind faszinierend, aber wer weiß, ob es mich noch einmal hierher verschlägt? Andererseits – wieso nicht? Die Trekkingpfade im Himalaya führen schließlich nicht nur zum Everest, auch am Kangchendzönga, rund um die Annapurna oder am Dhaulagiri gibt es tolle Wanderwege. Oder wie schon der Terminator sagte: I’ll be back.


Hast Du schon einmal eine Stadt besucht, die Du auch als Moloch bezeichnen würdest? Und wenn ja, welche? Was denkst Du über das Problem der Landflucht gerade in den ärmeren Ländern dieser Erde? Viel Spaß beim Diskutieren und Posten!


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About Author

Freier Journalist und Texter. Recherchiert und schreibt über alles, was nicht 08/15 ist und Eindruck hinterlässt. Ist gern unterwegs in der Weltgeschichte.