Wer sich oberhalb von 5.300 Metern aufhält, beginnt zu sterben – auch am Everest. Also auch ich, hier oben auf dem Kala Pattar. 5.545 Meter zeigt der Höhenmesser, hier kann sich der Körper nicht mehr akklimatisieren und verzehrt sich selbst – bis zum Tod. Gut, dass das ein paar Wochen dauert. Im ersten Teil meines Nepal-Berichts habe ich euch bereits von meiner Reise in das unbekannte Land erzählt. Hier erfahrt ihr nun, wie die Reise weiterging.

Schokoriegel gehen immer

Nachdem die Mail in Gorak Shep auf 5.207 Meter geschrieben und anschließend unsere Lodge bezogen war, gab es zu Mittag ein Yaksteak, so schwarz wie ein Stück Holzkohle. Hauptsache, die Bakterien werden getötet. Eine Magen-Darm-Geschichte auf dieser Höhe wäre kontraproduktiv, die Dehydrierung ist schon im Normalzustand enorm. Appetit oder gar Hunger verspüren wir sowieso nicht mehr, es gibt Tage, da ernähre ich mich nur von Schokoriegeln.

Direkt am Rande eines ausgetrockneten Seebetts am nördlichen Ortsrand von Gorak Shep beginnt der Anstieg zum Gipfel des Kala Patthar, der Hausberg dieser Ortschaft. „Hausberg“, das klingt so niedlich. Außerdem soll es nicht hinaufgehen bis zum Hauptgipfel (5.675 m), sondern nur zum Südgipfel auf 5.545 Meter. Das wird ja wohl zu schaffen sein, so die einhellige Aussage der Trekkinggruppe. Als das Yaksteak dann verdrückt ist, machen wir uns auf den Weg. Es ist nur ein steiniger Trampelpfad, der über anfangs noch flechtenbewachsene Hänge führt, nicht einmal besonders steil. Aber alle zehn Meter benötige ich eine Pause. Dann drehe ich mich nach rechts, und direkt gegenüber erhebt sich die 2.500 Meter hohe, eisbewehrte Westwand des Nuptse (7.861 m) in den tiefdunkelblauen Himmel. Ein fantastischer Anblick.

Die Gipfelpyramide des Everest

Oberhalb von 5.300 Meter kann sich der menschliche Körper nicht mehr an die enorme Höhe akklimatisieren. Der Tod greift mit seinen kalten Klauen nach einem, aber ein paar Stunden, Tage oder im Extremfall auch Wochen kann sich der Mensch dem Sterben widersetzen. In der von Bergsteigern so genannten Todeszone oberhalb von 7.500 Metern geht es um ein Vielfaches schneller. Das sind so meine Gedanken, während ich keuchend höher steige. Die Oktobersonne brennt in dieser Höhe gnadenlos, die UV-Strahlung ist sehr hoch. Über dem Südgipfel des Kala Patthar thront majestätisch die symmetrische Pyramide des Pumori (7.161 m).

Everest

Links die Gipfelpyramide des Everest, rechts die Nuptse-Westwand, hinter dem Grat der Lhotse-Gipfel

Die letzten Meter unterhalb des Gipfels krieche ich mehr, als ich gehe. Über riesige, schräg liegend Steinplatten führt der Weg steil hinauf, oben lässt der Nordwind aus Tibet die buddhistischen Gebetsfahnen laut knattern. Ich drehe mich um und schaue nach Osten, wo in zehn Kilometern Entfernung die schwarze Gipfelpyramide des Mount Everest (8.850 m) über dem Khumbu-Eisbruch und dem Tal des Schweigens aufragt. Für ein paar Minuten denke ich nichts, ich atme und gucke nur. Dann habe ich meine Lunge und das Gehirn wieder mit Sauerstoff aufgefüllt.

Über Abgründe

„Wenn es hier schon so schwer ist, wie kommen Menschen nur ohne Sauerstoffflasche den Everest hinauf?“, so schießt es mir durch den Kopf. Es erscheint mir unmöglich, dass jemand ohne „englische Luft“, wie die Sherpa sagen, auch nur einen Meter höher können soll als ich. Der Höhenmesser zeigt 5.545 Meter an, die Lungenflügel brennen wie glühende Asche. Ich gucke auf den höchsten Berg der Welt, sehe die berühmten Schneefahnen, die der Jetstream vom Gipfel bläst. Der Südgipfel ist als kleiner Sporn erkennbar, der Hillary Step als winzige Steinbarriere auf dem Gipfelgrat. Rechts hinter dem Nuptse spitzt der Lhotse hervor, mit 8.510 Metern der vierthöchste Berg der Welt. Der Blick reicht hinüber bis zur Ama Dablam Ich bin vom Panorama so gefangen, dass ich gar nicht merke, dass ich schon zwei Stunden hier oben bin. Grauer Nebel zieht auf, mit ihm ein kalter Wind. Ich gehe zurück, hinunter nach Gorak Shep.

Everest

der schuttbedeckte Gletscher, hinten zweigt der Khumbu-Eisfall ab, oben rechts der dunkle Gipfelaufbau des Everest

Nach einer Nacht in einem minus zehn Grad kalten Lodgezimmer sind die ersten Sonnenstrahlen des Tages wie eine Erlösung. Langsam werden die müden Knochen warm. Es geht zum nördlichsten Punkt der Trekkingtour, zum ehemaligen Everest Base Camp, das etwa zwei Kilometer vom neuen Basislager entfernt ist. Ist aber auch egal, denn was wirklich zählt, ist der Weg – und der führt eine halbe Stunde lang über den Khumbu-Gletscher, ein echtes Abenteuer. Zwischen der schuttbedeckten, welligen Oberfläche klaffen riesige Löcher wie Fischmäuler, von denen das Schmelzwasser ins Gletscherinnere tropft. Ich werfe einen Stein in eine der Öffnungen, der Aufprall ist nicht mehr zu hören. Lieber nicht darüber nachdenken, über welche Abgründe wir hier gerade gehen! Ein irres Gefühl. Da stört es auch nicht, dass das ehemalige Base Camp nur durch eine Steinmarkierung erkennbar ist. Die Kulisse unter der Nuptse-Westwand ist gigantisch.


Warst Du auch schon mal in extremer Höhe unterwegs? Oder in extremen Tiefen, vielleicht als Taucher? Teil‘ uns Deine Erfahrungen mit und diskutiere in den Kommentaren!


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About Author

Freier Journalist und Texter. Recherchiert und schreibt über alles, was nicht 08/15 ist und Eindruck hinterlässt. Ist gern unterwegs in der Weltgeschichte.