Derzeit führt die Türkei die Operation Olivenzweig durch – eine Militäroffensive gegen ein von Kurden kontrolliertes Gebiet in Nordsyrien. Das passiert vor den Augen der Weltöffentlichkeit nachdem die Kurden unter großem Einsatz erfolgreich den Islamischen Staat bekämpft haben. Sie gehörten zu den effektivsten Bodentruppen im Kampf gegen die Dschihadisten, doch nun scheint ihnen keiner beizustehen. Aber warum greift der türkische Präsident Erdoğan die Kurden in Afrin an? Immerhin handelt es sich um ein anderes Land? Wir haben deshalb den Konflikt zwischen Kurden und Türkei für Euch zusammengefasst, denn der Hass muss einen Ursprung haben.

Wer sind die Kurden?

Das historische Siedlungsgebiet der Kurden, eine westasiatische Volksgruppe, befand sich zwischen dem Mittelmeer, dem Schwarzen und Kaspischen Meer sowie dem Persischen Golf, also nördlich der arabischen Halbinsel. Im zweiten Jahrhundert war Kurdistan eine Provinz im Reich der Seldschuken, einer türkischen Fürstendynastie. Die erste Teilung der Region fand im 17. Jahrhundert statt, als das Gebiet noch zum Osmanischen Reich gehörte. Die Trennlinie entspricht in etwa der heutigen Grenze zwischen der Türkei und dem Iran.

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem damit verbundenen Zerfall des Osmanischen Reiches wurde Kurdistan weiter aufgeteilt. Die südwestlichen Gebiete wurden dem französischen Völkerbundmandat für Syrien und Libanon zugesprochen. Großbritannien wurde Mandatsmacht über die südöstlichen kurdischen Landesteile auf dem Gebiet des heutigen Irak. Nichtsdestotrotz wurde den Kurden im Vertrag von Sèvres von 1920 das Recht auf Selbstbestimmung eingeräumt.

Beginn des Konflikts zwischen Kurden und Türkei

Doch ein ehemaliger Offizier des gefallenen Osmanischen Reiches wollte sich mit der Besatzung und Fremdverwaltung durch die Siegermächte nicht zufrieden geben. Mustafa Kemal Atatürk organisierte einen Widerstand gegen die Fremden Mächte und es gelang ihm, auch die Kurden auf seine Seite zu bringen, indem er eine Regierung von Türken und Kurden in Aussicht stellte. Nicht zuletzt deshalb war der Türkische Befreiungskrieg erfolgreich und der Vertrag von Lausanne wurde im Jahr 1923 unterzeichnet. Darin wurden einige Passagen des Vertrages von Sèvres revidiert. Auch die Selbstbestimmung der Kurden war hierin nicht mehr enthalten.

Auf Basis des Vertrages konnte die moderne Türkei in ihren heutigen Grenzen durch Atatürk errichtet und völkerrechtlich anerkannt werden. Allerdings wollten kurdische Stammesführer trotzdem ihre Macht erhalten und dafür auch militärische Konflikte in Kauf nehmen. Daher setzte Atatürk seine Politik Ein Staat, eine Nation, eine Sprache, eine Identität durch. Eigene Identitäten und Kulturen sollten folglich zu einer einheitlichen türkischen verschmelzen. Doch natürlich rufen solche Bestrebungen immer Widerstand hervor.

Die Zeit der kurdischen Aufstände

Sich damit nicht abfinden wollend, kam es 1925 zum ersten kurdischen Aufstand, der durch die Regierung brutal niedergeschlagen wurde, mit dem Ziel die kurdische Opposition vollends auszulöschen. Ursache für das rabiate Vorgehen war, dass Atatürk große Reformpläne hatte, die er schnell umsetzen wollte. Beispielsweise übernahm er später ganze Rechtssysteme europäischer Staaten, schaffte die Scharia ab und sorgte für eine rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau. Die kurdische Forderung nach der Rückkehr zu Kalifat und Sultanat passten da gar nicht zu Atatürks modernen Vorstellungen.

Trotz der Niederschlagung des ersten kurdischen Aufstandes sollten im Laufe der nächsten Jahrzehnte bis zur heutigen Zeit viele weitere folgen. Immer wieder wurden diese gewaltsam durch die türkische Regierung beendet. Daraufhin kam es teils sogar zu Deportationen von Kurden und der Neuansiedlung von Türken in diesen Gebieten. Als Steigerung wurde neben dem Ausleben der kurdischen Kultur, sogar die kurdische Sprache verboten. Interessanterweise war es Recep Tayyip Erdoğan, der sie erstmals wieder erlaubte.

PKK – Die Arbeiterpartei Kurdistans

Die Unzufriedenheit infolge der Unterdrückung der eigenen Identität ließ militante Studentenbewegungen entstehen, die ihre Anhängerschaft rasch zu erweitern suchten. Im Jahr 1978 ging daraus die PKK – die Arbeiterpartei Kurdistans – mit zunächst 24 Mitgliedern hervor. Die marxistisch-leninistisch geprägte Organisation wollte durch einen Guerillakrieg eine Revolution erreichen und anschließend einen kurdischen Staat gründen.

Konflikt zwischen Kurden und Türkei

Kurdische PKK Guerillas, Quelle: Flickr/Kurdishstruggle

1984 nahm die „Partei“ den Kampf gegen das türkische Regime auf. Zunächst wurden zwei Städte im Südosten des Landes, also im kurdisch geprägten Gebiet, besetzt. Dabei und auch in den folgenden Kämpfen kam es zu Todesopfern auf beiden Seiten. Im Laufe der nächsten Jahre machte die PKK Demonstrationen, Entführungen, Attentate, Bombenanschläge auf Regierungsgebäude aber auch auf zivile Einrichtungen von sich Reden. Dies brachte ihr einen Platz auf der internationalen Liste der Terrororganisationen ein.

YPG – Die syrische Fraktion der PKK

Da Kurden nicht nur in der Türkei, sondern auch in Syrien, Irak und Iran vertreten sind, existieren sowohl Ableger der PKK als auch andere kurdische Parteien in diesen drei Ländern. Die sogenannten Volksverteidigungseinheiten YPG sind die syrische Fraktion der PKK. Es handelt sich dabei aber noch weniger um eine Partei als bei der PKK, sondern vielmehr um eine bewaffnete Miliz. Im Gegensatz zur türkischen Dachorganisation ist die YPG aber – außer von der Türkei – nicht als Terrorgruppe eingestuft worden.

Die gut ausgebildeten Kämpfer der YPG hatten in Syrien einen maßgeblichen Beitrag zur Zurückdrängung des Islamischen Staates geleistet. Ihre Bodenoffensiven wurden durch die USA materiell unterstützt und durch Luftangriffe auf IS-Stellungen militärisch begleitet. Auch ein Trainingscamp unterhält die USA gemeinsam mit den Kurden in Nordsyrien, genauer in Manbidsch.

T-55-Panzer der YPG in Tell Tamer (Syrien), Quelle: Wikipedia/VOA

Der Syrische Bürgerkrieg verhalf den Kurden zu einer von ihnen kontrollierten Region im Norden Syriens, nachdem sich Regierungstruppen von dort zurückgezogen hatten. Die Vision eines eigenen Staates schien zum Greifen nah. Denn die Region blieb nach der Kontrollübernahme durch die YPG weitgehend vom Krieg verschont, sodass sich eine florierende Wirtschaft und ein geregeltes soziales Leben entwickeln konnte. Die Vorstellung eines eigenen Kurdenstaates ängstigt den türkischen Präsidenten offenbar, er sieht eine Bedrohung der Türkei. Daher startete er die Offensive gegen das Kurdengebiet, wohlbemerkt in einem anderen Land, was natürlich einen Bruch des Völkerrechts darstellt.


Die Aufteilung des Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg, ohne Rücksicht auf ethnische Zugehörigkeiten zu nehmen, war also der Beginn des andauernden Konflikts zwischen Kurden und der Türkei. Doch auch der gewollte Machterhalt kurdischer Führer nach Gründung der Türkei durch Atatürk trug seinen Teil dazu bei. Wie seht Ihr die ganze Lage? Wie beurteilt ihr das Verhalten Erdoğans? Wir sind gespannte auf Eure Kommentare!


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Mich faszinieren besonders politische sowie wirtschaftliche Zusammenhänge in der Welt. Dazu recherchiere ich gern selbst und werde euch die Früchte meiner Arbeit regelmäßig präsentieren. Außerdem liebe ich Filme, sodass ihr euch auch auf das ein oder andere Review freuen dürft.