Pegida – Was bewegt die Massen wirklich?

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Die mediale Berichterstattung der letzten Wochen war geprägt von Beiträgen über den Krieg gegen den Islamischen Staat, das Attentat auf Charlie Hebdo und die Gegenbewegung Pegida. Letztere steht für Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes. Welche Leitmotive hinter dem Phänomen stehen und wie die Demonstration in Dresden am 25. Januar ablief, erfahrt Ihr hier. Ich war für Euch vor Ort, habe die Reden verfolgt, die Menschen beobachtet und natürlich auch mit einigen von ihnen gesprochen.

Was fordert Pegida?

Welche Position die wachsende Pegida-Bewegung vertritt, ist in meinen Augen ziemlich verwirrend. Einerseits sehen wir die Namensbotschaft Wir sind gegen die Islamisierung Westeuropas und andererseits wurden sämtliche Forderungen und Ansichten in einem 19 Punkte umfassenden Positionspapier zusammengefasst. Wir wollen einige Haltungen näher beleuchten und dabei die Meinungen einfließen lassen, die am 19. Januar bei Günther Jauch geäußert wurden. Da die Pegida-Sprecherin Kathrin Oertel zu Gast war, können bestimmte Positionen dadurch besser nachvollzogen werden.

Quelle: Wikipedia

Quelle: Wikipedia

Zu Asyl und Migration

Insgesamt lässt sich aussagen, dass Pegida für eine Aufnahme, angemessene Unterbringung und Integration von Kriegsflüchtlingen ist. Doch nicht nur das: Dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge soll sogar mehr Geld zur Verfügung gestellt werden, um das Aufnahmeverfahren zu beschleunigen und die Unterbringung zu verbessern.

Andererseits soll die Exekutive vorhandene Gesetze zu Asyl und Abschiebung ausschöpfen und eine Null-Toleranz-Politik gegenüber straffällig gewordenen Asylbewerbern anwenden. Nach Frau Oertels Aussagen hat dennoch jeder Mensch eine zweite Chance verdient. Nicht jeder straffällig gewordene Bewerber soll sofort ausgewiesen werden. Bei mehrfachen Gesetzesverstößen soll allerdings die Abschiebung folgen. Jens Spahn (CDU) konterte, dass dies bereits im Gesetz stehe, gestand aber im gleichen Atemzug ein, dass die Durchsetzung nicht konsequent genug erfolge. Hier seien vor allem die einzelnen Länder gefragt.

Weiterhin wünscht sich Pegida eine Zuwanderung beispielsweise nach kanadischem Vorbild. Dort liegt die Zuwanderungsquote bei 21,1 Prozent und damit 8 Punkte über der Deutschlands. Allerdings sind Migranten in Kanada besser in die Gesellschaft integriert und qualifizierter als diesseits des Atlantiks, wie Die Welt berichtet. Da eine bessere Integration der Schlüssel zu einem besseren Verständnis füreinander ist, sollte ein politischer Diskurs zu diesem Thema definitiv angestoßen werden.

Zum Islam

Bei Punkt 10 kommt der Islam ins Spiel:

„Pegida ist für den Widerstand gegen eine frauenfeindliche, gewaltbetonte politische Ideologie aber nicht gegen hier lebende, sich integrierende Muslime [Anhänger des Islam]!“

Positiv zu erwähnen, ist der zweite Teil dieser Position. Jedoch wird – möglicherweise ungewollt – impliziert, der Islam sei frauenfeindlich, gewaltbetont und eine politische Ideologie, was schlicht falsch wäre. Dabei würde man unterschlagen, dass der Islam nicht mit dem Islamismus gleichzusetzen ist. Passend zum Namen der Bewegung wird zudem der Schutz unserer christlich-jüdisch geprägten Abendlandkultur gefordert. Was genau sich dahinter verbirgt ist unklar. Es schwingt jedoch die Angst vor einer Überfremdung in diesen Worten mit. 

Doch bei einem Anteil von etwa 5,5 Prozent an der deutschen Bevölkerung sind Muslime beileibe in der Unterzahl, sodass dies längst nicht zu befürchten ist. Zudem stammen über 75 Prozent der Zuwanderer nicht aus islamisch sondern christlich-katholisch geprägten Ländern. Dennoch sollte man dringend auf die Sorgen der Menschen eingehen, statt sie vorschnell zu verurteilen. Dabei darf eine erweiterte Aufklärung über das Thema Einwanderung als wichtiges Instrument nicht fehlen.

Weitere Positionen

Darüber hinaus richtet sich die Bewegung gegen Radikalismus, Hassprediger, das Entstehen von Parallelgesellschaften und -gerichten und die zwanghafte, politisch korrekte Geschlechtsneutralisierung unserer Sprache – meiner Meinung nach sinnstiftende Ansichten. Vergleichen wir nun aber den Namen der Bewegung mit deren Positionen, so ist festzustellen, dass sehr viele Forderungen unter dem Mantel der Islamisierungsangst zusammengefasst sind. Auch Frank Richter von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung teilt diese Meinung und empfahl daher eine Namensänderung.

Meine These ist, dass die Menschen in Pegida ein Sprachrohr gefunden haben, um ihrem Frust über unterschiedliche Probleme Luft zu machen. Da der Kontakt zu den Medien aber zumindest größtenteils vermieden wird, ließ sich die Vermutung nur vor Ort überprüfen.

Eindrücke von der Pegida-Demonstration am 25. Januar

Um mir und Euch einen wirklich objektiven Einblick in den tatsächlichen Ablauf einer Pegida-Demonstration zu ermöglichen, habe ich mich am 25. Januar unter das demonstrierende Volk gemischt. In Dresden angekommen, habe ich mich vom Hauptbahnhof über die Prager Straße auf den Weg zum Theaterplatz gemacht. Dort hatten sich bereits tausende Bürger versammelt, um ihr Recht auf Meinungsfreiheit friedlich auszuüben.

Pegida-Demo

Ruhe, Respekt voreinander und keine Spur von Gewaltbereitschaft

Mein erster Eindruck hat mich sehr überrascht: Es war richtig ruhig, gab keinerlei Gerangel und alle Menschen waren höflich zueinander. Doch, es gab Pfeifkonzerte und laute Parolen – von den Gegendemonstranten, die die Polizei ausgezeichnet von uns zu trennen vermochte. Während der Ansprachen ist die Ruhe dann aber phasenweise den begeisterten Rufen der Teilnehmer gewichen. Wir sind das Volk war dabei am häufigsten zu vernehmen.

Natürlich wollte ich für Euch einige Fotos schießen, tat dies aber zunächst eher unauffällig. Man hat ja in den Medien gehört, wie darauf zum Teil reagiert worden sein soll. Aber mit der Zeit begriff ich, dass sich kein Mensch dafür interessierte, ob ich Fotos schoss, Videos drehte oder mir die Aufschriften der Transparente notierte. Auch auf professioneller ausgerüstete Berichterstatter ist niemand losgegangen.

Lügenpresse

Das Wort Lügenpresse habe ich aber sehr oft gelesen und gehört. Nach meinem überraschend positiven Eindruck von der friedlichen und geordneten Demonstration, muss ich zugeben, dass da wohl tatsächlich etwas dran war. Die Berichterstattung der letzten Wochen hatte in mir nämlich ein ganz anderes Bild geweckt. Nachdem ich von der Demonstration zurück kam, lieferte mir das Internet auch schon den ersten Artikel zum Ablauf der Kundgebung. Das Einzige worauf sich gestürzt wurde, waren die Zwischenfälle, die sich am Rande der Demonstration ereigneten – einfach traurig.

Wäre die Berichterstattung weniger einseitig, gäbe es vermutlich weniger aggressive Gegenpositionen zu Pegida, sowie eine bessere öffentliche Wahrnehmung der Bewegung. Aber vielleicht will man ja genau das vermeiden? In der Kundgebung wurde angeprangert, dass Frank-Walter Steinmeier sagte, Pegida schade dem Ansehen Deutschlands. Der Sprecher konterte: Die verlogene Berichterstattung über Pegida sei das einzig schädliche an den Versammlungen.

Doch da Objektivität in den unzähligen Berichten über Pegida häufig fehlt, reagiert auch das Ausland auf die anhaltenden Proteste in Dresden mit Sorge über zunehmenden Fremdenhass. So äußerte sich die deutsch-französische Zeitung Eurojournalist.eu mit der Bemerkung

„Das Biest in Deutschland ist noch nicht tot“.

Welche Bedürfnisse wurden zum Ausdruck gebracht?

Zahlreiche Deutschlandflaggen kleideten die demonstrierende Menge in Schwarz-Rot-Gold, gespickt durch die Landesflaggen von Sachsen und anderen Bundesländern. Zusätzlich sollten unzählige Wortbotschaften das Ansinnen der Bevölkerung zum Ausdruck bringen. Da sah man Forderungen nach Volksentscheiden, einer besseren Familienpolitik und nach einem Verbot der Lebendschlachtung von Tieren ohne Betäubungsmittel.

Außerdem brachten die Menschen Sorgen vor einem Krieg mit Russland und ihren Unmut über die einseitige Berichterstattung in den Medien zum Ausdruck. Aber natürlich wurde auch die Einwanderung auf den Transparenten thematisiert, beispielsweise durch die Forderung nach einer Einwanderungsquote. Die häufigste Forderung war aber die nach einem Volksentscheid auf Bundesebene – also einer direkten Beteiligung am demokratischen Prozess.Pegida-Demo

Pegida stellt sich folglich sehr vielschichtig dar und sollte auf keinen Fall nur auf die Angst vor einer Islamisierung Europas reduziert werden, auch wenn der Name dies suggeriert. Hier ist weit mehr Fingerspitzengefühl gefordert – sowohl von der Politik als auch den Medien. Zudem ist eine Lösung nur erzielbar, wenn sich beide Seiten gesprächsbereit zeigen. Die Diskussion bei Günther Jauch war hierfür sicherlich ein guter Anfang.

Wer besucht die Pegida-Demonstration?

Doch wer gehört nun eigentlich zum Kreis der Demonstranten? Eine Studie der TU Dresden ergab, dass der durchschnittliche Demonstrant zur Mittelschicht gehört, gut ausgebildet und berufstätig ist. Außerdem verfüge er über ein für sächsische Verhältnisse leicht überdurchschnittliches Nettoeinkommen, ist etwa 48 Jahre alt und männlich. Da allerdings zwei Drittel der Befragten eine Teilnahme an der Umfrage ablehnten, lässt sich so noch nicht auf die tatsächliche Zusammensetzung schließen. Zu diesem Schluss gelangte auch die TU Chemnitz.

Zu den Lebensumständen der einzelnen Teilnehmer kann ich leider keine Aussage treffen, aber zumindest die Alters- und Geschlechtsstruktur kann ich in etwa bestätigen. Eines ist aber sicher – der durchschnittliche Pegida-Anhänger ist nicht zwangsläufig fremdenfeindlich. Frank Richter teilt diese Auffassung: Die vermeintliche Islamisierung schiene nicht die Hauptsorge zu sein. Vielmehr ginge es beispielsweise darum, dass sich der Staat nicht an seine eigenen Gesetze hält (Maastricht-Kriterium) oder dass vor den Wahlen vollmundige Versprechen gemacht aber selten gehalten werden („Mit mir wird es keine Pkw-Maut geben.“).


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About Author

Mich faszinieren besonders politische sowie wirtschaftliche Zusammenhänge in der Welt. Dazu recherchiere ich gern selbst und werde euch die Früchte meiner Arbeit regelmäßig präsentieren. Außerdem liebe ich Filme, sodass ihr euch auch auf das ein oder andere Review freuen dürft.