Es ist der 14. Oktober 2012, 12:06 Uhr Ortszeit in New Mexico – die Welt starrt gespannt auf die Fernsehbildschirme. Felix Baumgartner bereitet sich auf seinen Sprung aus 38.969,4 Metern Höhe vor. Eine Minute später stürzt er sich aus der Kapsel und bricht mit seinem Sprung aus der Stratosphäre gleich drei Weltrekorde: Durchbrechen der Schallmauer als erster Mensch im freien Fall, den höchsten bemannten Ballonflug und den Fall aus höchster Höhe. Der Sponsor dieses Mammutprojekts hieß Red Bull und der hat sich das Marketing der Extraklasse einiges kosten lassen. Felix Baumgartner gab zumindest an, es habe weniger als 25 Millionen US-Dollar gekostet.

Der Rekordversuch war geglückt, Baumgartner weltberühmt, die Welt konnte einem unglaublichen Spektakel beiwohnen und die Grenzen des Machbaren wurden wieder erweitert. Und: Baumgartner blieb glücklicherweise unverletzt. Bei einem Extremsportereignis dieser Art ist das trotz aller Sicherheitsmaßnahmen und hohem Trainingsaufwand beileibe keine Selbstverständlichkeit, wie die Historie der Red Bull Unfälle zeigt. Trägt das Unternehmen eine Mitschuld? Wir haben uns die Unfälle und Entwicklungen im Extremsport anschaut und unsere Schlüsse gezogen.

Die Red Bull Marketingstrategie

Fragt man jemanden auf der Straße nach einer Energy-Drink-Marke, dann kommt sicher fast jedem zuerst Red Bull in den Sinn – und das nicht ohne Grund. Seit die ursprünglich aus Japan stammende süße Brause im Jahr 1987 auf den österreichischen Markt kam, wurden Unsummen in den Aufbau der Marke investiert. Allein im Jahr 2014 nutzten die roten Bullen eine Milliarde US-Dollar bzw. 30 Prozent des Umsatzes für Marketingzwecke. Der große Konkurrent im hart umkämpften Getränkesegment investierte im selben Jahr zwar satte 3,5 Milliarden US-Dollar, aber lediglich 6,9 Prozent des Umsatzes. Das zeigt deutlich, welchen Stellenwert der Markenaufbau in der Strategie von Red Bull hat.

Red Bull Unfälle

Red Bull Beetle, Quelle: Flickr/João Paulo

Neben der flächendeckenden Präsenz durch die bekannten Red Bull Beetles fällt der Getränkehersteller vor allem durch die zahlreichen Extremsport-Events auf. Kein anderes Unternehmen ist in diesem Segment derart dominierend. Mehr als 500 Extremsportler stehen bei dem Getränkeriesen unter Vertrag und die Liste der Veranstaltungen ist lang. Sie reicht vom Red Bull Flugtag, bei dem Amateure in selbstgebauten Flugmaschinen ins Wasser stürzen, über Motocross-Action bei den Red Bull X-Fighters bis hin zur Mountainbike-Meisterschaft Red Bull Rampage.

Historie der Red Bull Unfälle

„Red Bull verleiht Flüüügel“ – aber manchmal leider auch Gipsverbände oder viel schlimmeres, nämlich einen kleinen Zettel am großen Zeh. Wie im Fall Baumgartner sponsort Red Bull jene Sportler, die an ihre Grenzen gehen wollen – und teilweise darüber hinaus. Leider gehen die spektakulären Aktionen nicht immer glücklich aus und manchmal sogar tödlich. Hier findet Ihr die uns bekannten Red Bull Unfälle

Toriano Wilson, Red Bull AMA U.S. Rookies Cup

Am 17. August 2008 verunglückte der 14-jährige Toriano Wilson beim Red Bull AMA U.S. Rookies Cup auf dem Virginia International Raceway. In einer Schikane verlor der Junge von den Bermudas die Kontrolle und stürzte von seinem Bike. Zu diesem Zeitpunkt trug er noch keine Verletzungen von sich, doch beim Versuch sein Motorrad wieder aufzurichten, erfasste ihn ein nachfolgender Fahrer – sicher auch aufgrund der durch den aufgewirbelten Dreck eingeschränkten Sicht. Wilson erliegt wenig später im Krankenhaus seinen schweren Verletzungen.

Mit den U.S. Rookie Cup Series hat Red Bull eine Plattform geschaffen in der junge Talente ihr Können unter Beweis stellen und sich so den Weg in die Oberliga erkämpfen können. Dazu werden aus über 600 Bewerbern die 23 talentiertesten Fahrer für die 125cc-KTM Rennserie ausgewählt.

Caleb Moore, Red Bull Winter X-Games

Einmal im Jahr werden die Red Bull Winter X-Games in den USA ausgetragen. Hier treffen sich über 200 der besten Athleten aus den Bereichen Ski, Snowboard und Snowmobil zum Kräftemessen. Auch dieses Event gehört zum Extremsport und der birgt naturgemäß einige Risiken. Diese Erfahrung musste auch der 25-jährige Caleb Moore machen. Am 24. Januar 2013, während der Freestyle Finals, versuchte er, mit seinem Snowmobil einen Backflip zu vollführen. Doch dabei stürzt er schwer und wird von seinem über 200 Kilogramm schweren Sportgerät überrollt. Obwohl er nach dem schockierenden Unfall noch mit Hilfe aufstehen und gehen konnte, verstarb er wenig später im Krankenhaus aufgrund von inneren Blutungen in der Region des Herzens.

Shane McConkey, Ski-Wingsuit-Basejump

Für einen Film, der sein Leben als Extremsportler für die Ewigkeit konservieren sollte, ließ Shane McConkey im Alter von 36 Jahren sein Leben. Der Sohn des passionierten Skifahrers Jim McConkey wurde schon früh von der Leidenschaft des Vaters angesteckt. Im Laufe der Jahre zog es ihn aber immer mehr ins Extreme: Saltos und Sprünge von Klippen – die Ski stets an den Füßen, Basejumping und Wingsuit-Flying. Bei letzterem trägt der Sportler einen Nylon-Anzug, bei dem dünner Stoff zwischen Armen und Hüfte sowie zwischen den Beinen gespannt ist. So können Adrenalin-Junkies ganze Berghänge im Gleitflug passieren und das mit bis zu 200 km/h.

Für den von Red Bull produzierten Film über McConkeys leben wollte der Extremsportler am 26. März 2009 einen besonders waghalsigen Sprung vollführen. In den Dolomiten am Sass Pordoi wollte er auf Skiern einer Hang hinunter sausen, sich von einer 300 Meter hohen Klippe stürzen, zwei Rückwärtssaltos schlagen, seine Skier abwerfen und dann mit dem Wingsuit den Berg hinab düsen. Den Adrenalin-Kick, den man dabei verspüren muss, kann man sich nicht im Ansatz vorstellen. Ein Freund des Kanadiers, J.T. Holmes, kam in den Genuss dieses Kicks und alles lief wie geplant. Doch McConkey selbst bezahlt ihn diesmal mit dem Leben, denn einen Ski kann er nicht von seinen Füßen lösen, er beginnt zu trudeln und schlägt ungebremst auf dem Boden auf. Ein Grund für Red Bull, den Film nicht fertigzustellen? Keine Spur – hier ist er! Doch vielleicht hätte McConkey es sogar so gewollt.

Eli Thompson, Ski-Wingsuit-Jump

Es war der 28. August 2009. Eli Thompson sollte Teil eines Promotionsfilms von Red Bull werden. Der US-amerikanische Basejumper war ein erfahrener Athlet, präsentierte die TV-Sendung Stunt Junkies und arbeitete als Stuntman, beispielsweise in Austin Powers in Goldständer. Aufgrund des Bekanntheitsgrades und seines Könnens wurde Red Bull auf ihn aufmerksam. In Human Flight 3D sollten die weltbesten Fallschirmspringer und Basejumper, darunter auch der 36-jährige Thompson, einen Einblick in die Welt des Extremsports geben. Hier seht Ihr den Trailer. Man muss zugeben: Die Bilder sind schier unglaublich!

Wie im Trailer bereits durch andere Athleten gezeigt, sollte auch Thompson in den Schweizer Alpen aus einem Helikopter springen, um dann in einem Wingsuit an einer Felskante vorbei zu brettern. Doch er kracht in eine Felswand und stirbt im Lauterbrunnental. Interessant ist, was passiert, wenn man eine frühere Webseite über Eli Thompson auf der Red Bull Homepage aufzurufen versucht: Seite nicht gefunden…

Ueli Gegenschatz, Basejump

Ebenfalls in der Schweiz kam es zu einem weiteren Unglück in Zusammenhang mit einer Werbeaktion von Red Bull. Der weltberühmte Basejumper Ueli Gegenschatz wollte aus 88 Metern Höhe vom Sunrise Tower in Zürich springen. Mit seiner Erfahrung von über 1.500 Objektsprüngen dürfte das nicht seine schwierigste Übung gewesen sein. Doch es war windig am 11. November 2009. Zunächst sieht jedoch alles gut aus, der Fallschirm öffnet sich. Als ihn aber eine Windböe erfasst, streift er ein tieferliegendes Gebäude, der Schirm fällt in sich zusammen und Gegenschatz kracht zu Boden. Zwei Tage später stirbt der 38-Jährige im Universitätsspital Zürich. Seit 1995 stand der Extremsportler bei Red Bull unter Vertrag.

Hier seht Ihr Ueli Gegenschatz bei einem Flug im Wingsuit.

Eigo Sato, Red Bull X-Fighters

Er war einer der besten und beliebtesten Motocross-Freestyler der Welt: Eigo Sato aus Fukushima, Japan. Nachdem er im Alter von 17 Jahren zum Motocross kam und später Amateurwettkämpfe in den USA bestritt, kehrte er in seine Heimat zurück. Ab 2005 nahm er regelmäßig an den Red Bull X-Fighters teil – insgesamt 27 Mal. Inzwischen gehört das jährlich stattfindende Freestyle-Motocross-Event zu den Prestigeträchtigsten des Sports. An drei Tagen messen sich die besten Fahrer der ganzen Welt im sportlichen Wettkampf. Doch wo gehobelt wird, da fallen bekanntlich auch Späne.

So auch am 28. Februar 2013. Eigo Sato befand sich im Training für die Red Bull X-Fighters in der Nähe seiner Heimatstadt Iwaki City in Japan. Am 8. März sollten das Event in Mexiko steigen, doch nicht für Sato. Bei einem Backflip verlor er die Kontrolle über seine Maschine und prallte hart auf dem Boden auf – er starb noch am selben Tag im Krankenhaus.

Guido Gehrmann, Flying Bulls

Am 1. Mai 2013 fand im Zillertal der letzte KINI Fullgas Tag statt. Das von Red Bull organisierte Event zog rund 20.000 Zuschauer an, die sich an der Motocross-Action und den Kunstflugeinlagen erfreuten. Unter anderem präsentierte sich der gebürtige Deutsche Guido Gehrmann mit dem kleinsten Flugzeug der Welt den Augen des Publikums. Der rund vier Meter lange Düsenjet hatte sogar schon im James Bond Film Octopussy seinen großen Auftritt.

Gehrmann war hauptberuflicher Pilot bei der Lufthansa, doch auch in der Freizeit konnte er sich den Rufen des Cockpits nicht entziehen. Zu seinen Lieblingsflugzeugen gehörte der 500 km/h schnelle 007-Flieger. Microjets wie der BD-5 sind anspruchsvoll, doch Gehrmann war so erfahren, dass Red Bull Chef Dietrich Mateschitz ihn sogar als Privatpiloten einsetzte.

Doch als sich Gehrmann nach der Flugshow im Zillertal mit seinem Microjet der Fliegerstaffel Flying Bulls zurück auf den Weg nach Salzburg machte, kam es zu einem Triebwerksschaden – um 15.50 Uhr geht sein Notfunkspruch bei der Polizei ein. Man versucht die Maschine für eine Notlandung zum Flughafen nach Innsbruck zu lotsen, doch soweit schafft es das nun antriebslose Flugzeug nicht mehr: Die Maschine zerbirst an einem Hügel. Der 38-jährige war vermutlich sofort tot.

Kann man Red Bull einen Vorwurf machen?

Wie Ihr seht, gab es einige Unfälle, die sich im Zusammenhang mit Extremsport-Events von Red Bull oder Werbeaufnahmen im Auftrag des Brauseherstellers ereigneten. Das war auch der Anlass für die ARD, die Reportage Die dunkle Seite von Red Bull zu drehen. Dort wurde die Frage aufgeworfen, in wie weit Red Bull für solche tragischen Unglücksfälle mitverantwortlich ist. Doch eine reine Schuldzuweisung wie in der Dokumentation ist fehl am Platz.

Es ist ganz klar, dass Extremsport gefährlich ist – das suggeriert bereits der Name. Doch gibt es ihn erst seit Red Bull die Nische für sich entdeckt hat? Freilich nicht – die Suche nach dem nächsten Adrenalin-Kick treibt die Sportler nicht erst seit Red Bull mit Preisgeldern und Sponsoringverträgen lockt. Das Unternehmen ermöglicht es aber einigen Sportlern ihr Hobby zum Beruf zu machen und in einem Beruf muss man nun einmal Leistung bringen – das gilt auch für Extremsportler. Insofern ist es gut möglich, dass das ein oder andere Riskante Manöver nicht durchgeführt worden wäre, wenn kein Druck bestanden hätte.

Als die Windbedingungen für Ueli Gegenschatz beim Basejump in Zürich nicht optimal waren, hätte er den Absprung ohne jubelnde Menge, ohne Sponsor im Nacken, ohne Medienrummel vielleicht nicht gewagt. Andererseits muss man Red Bull auch zu Gute halten, dass jeder Extremsportler in seinem Gebiet extrem erfahren ist und stets weiß, worauf er sich einlässt. Und: geschubst wurde noch niemand. Zudem gibt es Unfälle im Extremsport, seit er ausgeübt wird. Und auch ohne Sponsor würden sich die Athleten immer neue Herausforderungen suchen. Allerdings ermöglicht der finanzielle Schub durch Red Bull schnellere Steigerungen als das während der Freizeit möglich wäre – und damit auch mehr Risiken.

Bestenfalls lässt sich also sagen, dass die Förderung durch den Energy-Drink-Hersteller Unfälle begünstigt, aber nicht verursacht: Red Bull ist nicht die Reinkarnation des Bösen. Aber einen verantwortungsvolleren Umgang mit den Unfällen wäre wünschenswert. Dazu gehört auch, dass nicht versucht wird, solche Dinge unter den Teppich zu kehren, sondern dass man sich offen zeigt. Zudem sollten die bei solchen Tragödien entstandenen Aufnahmen nicht für Werbezwecke genutzt werden, auch wenn sie noch so spektakulär sind.


Was sagt Ihr zur Rolle Red Bulls? Seht Ihr mehr Schuld bei dem Brausehersteller? Sind die Red Bull Unfälle eine direkte Folge des Event-Marketings oder nur eine normale Begleiterscheinung des Extremsports? Wir sind gespannt auf Eure Kommentare!

Quelle Titelbild: Wikipedia/Morio


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Mich faszinieren besonders politische sowie wirtschaftliche Zusammenhänge in der Welt. Dazu recherchiere ich gern selbst und werde euch die Früchte meiner Arbeit regelmäßig präsentieren. Außerdem liebe ich Filme, sodass ihr euch auch auf das ein oder andere Review freuen dürft.