Start Technik Wissenschaft Kryonik: die Unsterblichkeit beginnt bei minus 196 Grad

Kryonik: die Unsterblichkeit beginnt bei minus 196 Grad

Den Witz mit dem Einfrieren lassen und auftauen, wenn etwas vorüber ist, gibt es jetzt auch schon seit Jahrzehnten, und nie war er weniger witzig als heute – denn in der Realität ist die Kryonik, so heißt die Technik, längst angekommen. Bisher allerdings unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Kryonik ist eine Zeitreise im Eis

Als am 19. September 1991 am Tisenjoch, der Verbindung vom Ötztal zum Schnalstal, eine Mumie gefunden wurde, hielten auch Experten sie zunächst für eine vermisste Person der Gegenwart. Vielleicht ein paar Jahrzehnte, so glaubten sie am Anfang, habe der Mann im ewigen Eis gelegen, das am Ende gar nicht so ewig war, sonst hätte es Ötzi ja nicht freigegeben. Dann aber stellte sich heraus, dass der Leichnam gut fünf Jahrtausende in dem Gletscher gelegen hatte. Und auch schon tot war, als das Eis ihn damals umschloss.

Schon weit vor Ötzis Entdeckung aber waren die Menschen von der Idee besessen, sich nach ihrem Tod einfrieren zu lassen – um wieder aufgetaut zu werden, wenn die Wissenschaft Krankheit und Tod überwunden hat. Was kaum jemand weiß: Schon knapp 300 Menschen schlummern bei minus 196 Grad ihrem Auftauen entgegen. Allerdings weiß man noch nicht so genau, ob es jemals dazu kommen wird. Und schlummern, naja, das ist auch nicht ganz richtig. Denn diese Menschen sind tot.

Robert Ettinger als Soldat im Jahr 1940. Später wird er die Kryonik erfinden
Robert Ettinger als Soldat im Jahr 1940. Später wird er die Kryonik erfinden. Quelle: Wikipedia

2.500 Kryoniker harren ihrem Ableben

Manche können es kaum erwarten, bis ihr Körper den Geist aufgibt. Sie haben unerträgliche Schmerzen, verursacht durch Krankheiten, gegen die es heute kein Gegenmittel gibt. Sie hoffen auf eine Zukunft, die neue Medikamente bringt und das Versprechen auf Heilung. Viele Kryoniker, so nennt man diese Menschen, glauben natürlich auch, dass die Menschheit dereinst den Tod besiegt haben wird. Dann sollen sie aufgetaut und reanimiert werden.

Man mag darüber denken, wie man will. Aber aktuell sind schon ein paar hundert Leichen eingefroren in den Laboren des Cryonics Institute in Detroit bei Alcor in Phoenix; seit 2006 kann man sich in Russland von KrioRus auf Eis legen lassen. Wobei diese Bezeichnung völlig unzutreffend ist, könnte man meinen – aber das stimmt nicht. Denn das erste, was nach Deinem Herzstillstand passiert, ist, dass der Körper in Eis eingelegt wird. Parallel dazu wird Deine sterbliche Hülle an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, damit das Gehirn weiter mit Sauerstoff versorgt wird.

Das Blut muss raus

Als nächstes legen Dir die Ärzte Infusionen, damit sich keine Körpergifte, kein Stickoxid und keine freien Radikale bilden. Das nämlich würde massive Reperfusionsschäden bedeuten, die nicht reversibel sind. Dann bekommt Dein Gehirn eine Betäubung, damit es die Sauerstoffzufuhr langsam vermindert. Jetzt kommt Deine Leiche in den Operationssaal, wo Dir das Blut bis auf den letzten Tropfen aus dem Körper gepumpt wird. Im Anschluss spülen Dir die Chirurgen eine kalte Lösung durch die leeren Blutgefäße, um danach die Vitrikationlösung hinterherzujagen. Die ist minus 125 Grad kalt. Wenn Dein Körper nach ein paar Stunden komplett diese Temperatur erreicht hat, dann verglast die Lösung. Anschließend wirst Du in flüssigem Stickstoff gekühlt. Bis Dich vielleicht irgendwann einmal einer aus der Truhe holt, auftaut und wiederbelebt.

Flüssiger Stickstoff ist in der Kryonik der elementare Bestandteil
Flüssiger Stickstoff ist in der Kryonik der elementare Bestandteil. Quelle: Wikipedia

Die Unsterblichkeit beginnt bei minus 196 Grad. Doch warum der ganze Aufwand? Der entscheidende Faktor: Beim Einfrieren muss die körpereigene Flüssigkeit, also das Blut, durch eine Mischung auf Basis von Dimethylsulfoxid, Formamid und Ethylenglykol ersetzt werden. Ansonsten bilden sich im Körper Eiskristalle, und die wiederum verletzten die Gefäße irreversibel.

Sich kaltmachen lassen ist kein Schnäppchen

Seitdem Ärzte am 12. Januar 1967 an James Bedford gezeigt haben, dass Kryokonservierung möglich ist, sind viele Menschen in der Hoffnung gestorben, in einer besseren Zukunft aufzuwachen. Diese Hoffnung kostet bares Geld. Das Cryonics Institute nimmt umgerechnet 25.000 Dollar dafür, Leute kaltzumachen, KrioRus um die 50.000 und Alcor stolze 180.000 Euro. So teuer war das zu Zeiten von James Bedford noch nicht. Und dennoch wird sein Körper noch heute bei Alcor aufbewahrt. In Deutschland ist die Kryokonservierung aus juristischer Sicht zurzeit noch ein leerer Raum. Hierzulande ist es bis jetzt nur möglich, ein Haustier einzufrieren. Die Deutsche Gesellschaft für Angewandte Biostase setzt sich aber für die Anwendung der Kryonik ein.

Wer nicht so sehr an seinem Körper, wohl aber an seinen Erinnerungen hängt, dem steht es frei, bei Alcor nur seinen Kopf nach den beschriebenen Methoden einfrieren zu lassen. Der wird abgeschnitten und später, wenn es medizinisch möglich ist, auf einen gesunden, jungen Körper draufgesetzt, der aus der eigenen DNS erzeugt wurde. Und spätestens jetzt wird einem bewusst, dass der Wunsch nach ewigem Leben etwas sehr Abseitiges ist.


Was denkst Du über Kryokonservierung? Fluch, Segen oder beides zugleich? Und ist das alles nicht auch ein bisschen irre? Viel Spaß beim Diskutieren!

Quelle Titelbild: Wikipedia

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