In der Antike und im Mittelalter war sie gefürchtet wie kaum eine zweite Seuche: Lepra. Aber auch im 21. Jahrhundert grassiert die durch das Bakterium Mycobacterium leprae ausgelöste Krankheit noch in weiten Teilen der Welt. So gilt die Lepra noch heute in Südasien, in Ozeanien, in Afrika und in Südamerika als latent vorhanden. Jedes Jahr kommt es zu Neuinfektionen. Jetzt ist auch Großbritannien betroffen – die Lepra greift auf die Population der roten Eichhörnchen über.

Lepra-Symptome an vielen Körperstellen

Für uns Menschen in Europa nehmen Wissenschaftler zwar an, dass die Krankheit ausgerottet ist. Doch die Forscher um Charlotte Avanzi vom Global Health Institute in Lausanne sind sich sicher: Bei 36 von 110 untersuchten toten Eichhörnchen fanden sie und ihr Team tatsächlich lepraauslösende Bakterien. 13 der Tiere wiesen definitiv Zeichen auf, die nur auf Lepra zurückschließen ließen. Das waren etwa verknotete Haut und Flecken an den Ohren und an der Nase. Aber auch an den Hinterläufen hatte sich die Lepra gezeigt, sie waren zum Teil ziemlich heftig angeschwollen. Die Forscher veröffentlichten ihre Ergebnisse im Wissenschaftsmagazin Science.

So können Hände beim Menschen aussehen, wenn Lepra vorliegt

So können Hände beim Menschen aussehen, wenn Lepra vorliegt. Quelle: Wikipedia

Diese Nachrichten kommen zu einer Zeit, zu der klar ist, dass die roten Eichhörnchen (die wir auch in Deutschland haben) den Einwanderern aus Nordamerika immer mehr weichen müssen. Diese „Einwanderer“, das sind ihre Vettern, die grauen Eichhörnchen. Von denen leben schon ungefähr 2,5 Millionen in England und Schottland, die Population der roten Hörnchen hingegen ist bereits auf ungefähr 140.000 geschrumpft. Und wenn jetzt noch die Lepra hinzukommt, sieht die Zukunftsprognose für diese Tiere nicht besonders günstig aus.

Lepra verbreitet sich via Tröpfcheninfektion

Doch ist es nicht die natürliche Verdrängung allein, die die roten Eichhörnchen dezimiert. Schuld trägt vermutlich vielmehr ein Virus namens Parapox, das eine Art von Pocken unter den Nagern verbreitet und das die Grauhörnchen in sich tragen. Aber sie selbst sind dagegen völlig immun, während ihre roten Verwandten daran zugrunde gehen. Bei der Lepra – wenn auch ein Bakterium – verhält es sich vermutlich genauso. Die amerikanischen Invasoren sind damit nicht infiziert. Ausgehend von dieser Grundlage stellen sich nun zwei Fragen. Erstens: Können sich auch die roten Eichhörnchen anstecken, die auf dem europäischen Kontinent leben? Und zweitens: Was heißt das für uns Menschen? Ist es möglich, dass der Erreger auch auf uns überspringt?

Das Neunbinden-Gürteltier kann Lepra auf den Menschen übertragen

Das Neunbinden-Gürteltier kann Lepra auf den Menschen übertragen. Bild: Wikimedia

Denn: Lepra ist in weiten Teilen der Welt auch heute noch ein Problem. Mehr als 200.000 Menschen stecken sich pro Jahr an. Besonders betroffen sind dabei jene Regionen auf der Erde, in denen es die Menschen sowieso schon schwer haben, so z.B. viele Regionen in Afrika, dazu Brasilien und Indien. Dabei ist das Bakterium nicht besonders aggressiv, es überträgt sich tatsächlich nur per Tröpfcheninfektion, und das auch nur, wenn man über eine lange Zeit Kontakt mit Erkrankten hat. Doch sind in den aufgezählten Weltregionen die hygienischen Zustände oft katastrophal – dazu kommen oft eine schlechte Ernährung und damit ein schwaches Immunsystem. Das macht es den Lepra-Bakterien leichter, sich zu verbreiten.

Woher kommt die Seuche ursprünglich?

Aber es bleibt die Frage, ob die Lepra in Europa von den roten Eichhörnchen womöglich auf uns Menschen überspringt? Ein Co-Autor der Studie sagt: nein, es drohe keine Gefahr. Schließlich herrschen bei uns keine Zustände mehr, wie sie im Mittelalter herrschten, als die Lepra nicht zu bändigen war und wie die Pest Angst und Schrecken verbreitete. Insofern brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Und auch für unsere heimischen Eichhörnchen besteht offenbar keine allzu große Gefahr.

Soweit die guten Nachrichten. Auf anderen Feldern ist die Lepra bis heute nicht komplett ausgeleuchtet. So steht immer noch nicht zweifelsfrei fest, woher die Bakterien ursprünglich stammten. Manche Wissenschaftler vermuten Indien als Entstehungsort der Krankheit, andere wiederum nehmen an, dass die Erreger sich dort gebildet haben, wo der Mensch selbst herkommt: in Ostafrika. Sicher ist nur, dass Mycobacterium leprae im Laufe der Jahrtausende kaum genetische Veränderungen an sich selbst vorgenommen hat. Das ist für ein Bakterium eine sehr seltene Ausnahme. In der Antike war Lepra ein immer wiederkehrendes Problem in Griechenland und auf der italienischen Halbinsel. Und erst im Mittelalter gelangten die Erreger von Europa aus wieder in andere Teile der Welt, und zwar durch die Kolonialisierung. Erforscht wird die Krankheit heute anhand des Neunbinden-Gürteltiers, das Lepra-Erreger in sich trägt und das dafür herhalten muss, Impfstoffe gegen die Krankheit zu entwickeln. Das Neunbinden-Gürteltier stammt aus Südamerika, ist seit 1850 aber auch in den USA heimisch.


Irgendwie kommt es uns doch unheimlich vor, wenn eine seltene Seuche plötzlich wieder im Gespräch ist, oder? Was macht so eine Nachricht mit euch? Und vor welchen Epidemien müssen wir im Jahr 2017 wirklich Angst haben? Viel Spaß beim Diskutieren!

Quelle Titelbild: Wikipedia/Ray eye


Zum Bluefacts Buch

Nicht vergessen: Bluefacts gib es jetzt auch als Buch! Gefallen Euch unsere Fakten? Dann holt Euch jetzt unser Buch 1.000 unglaubliche Fakten und unnützes Wissen. Wir freuen uns auf Euch.




Share.

About Author

Freier Journalist und Texter. Recherchiert und schreibt über alles, was nicht 08/15 ist und Eindruck hinterlässt. Ist gern unterwegs in der Weltgeschichte.