Man kennt ja diese Versuchsanordnungen. Probanden müssen jemanden belügen, um eine Belohnung zu bekommen. Und sie lügen – obwohl es dem Gegenüber wehtut und obwohl es sich womöglich um einen engen Verwandten handelt.

Mit kleinen Lügen geht es los

Am Anfang schien die Meldung nur ein Vorurteil zu bestätigen. Als US-Schwimmstar Ryan Lochte während den Olympischen Spielen behauptete, er wäre nachts überfallen worden, sagte alle Welt: Seht, wir haben es doch gewusst! Dieses Rio de Janeiro, viel zu gefährlich, da können sich die Sportstars nicht frei durch die Stadt bewegen! Lochte und drei Schwimmkollegen waren von einem Bewaffneten überrumpelt und ausgeraubt worden.

Pinocchio - seine Nase wird beim Lügen immer größer

Pinocchio – seine Nase wird beim Lügen immer größer. Bild: Flickr

Ein paar Tage lang hielt dieses Konstrukt. Dann stürzte die Lüge wie ein Kartenhaus in sich zusammen. In Wahrheit hatten die vier Wasserratten an einer Tanke herumkrakeelt, randaliert, eine Klotür eingetreten und waren abgehauen, bevor die Polizei eintraf. In den Vernehmungen verstrickten sie sich in Widersprüche und flogen auf. Aufgrund seiner Lügen zogen Lochtes persönliche Sponsoren allesamt zurück. Seit Ende August muss der gefallene Star ohne das Geld von Ralph Lauren und Speedo auskommen, um nur zwei zu nennen. Eine kleine Lüge im Affekt, um sich Ärger vom Hals zu halten – und jetzt sitzt er da ohne Geldgeber und darf bis Mitte 2017 vermutlich keinen Wettkampf mehr bestreiten.

Abstumpfung des Gehirns

Lügen sind ja zumeist Verdrehung der Tatsachen zu einem persönlichen Vorteil. Wer an Studien teilnimmt, in der man andere belügen muss, um belohnt zu werden, reagiert die Amygdala – das Angstzentrum im Kopf – anfangs noch stark, um zu warnen. Doch schon bald stumpft diese Impulszentrale ab (das wurde im MRT bewiesen), sogar dann, wenn die Lügen immer ungenierter werden. Das erklärt, wie große Lebenslügen zustande kommen, nämlich indem anfänglich kleine Unwahrheiten immer weiter eskalieren. Wie bei einer zu Tal donnernden Lawine verstärkt sich die Lüge jedoch zusehends, wenn sie nicht gestoppt wird. Ein gutes Beispiel dafür, wie sich kleine Täuschungen lawinenartig zu Lebenslügen verwandeln, ist Petra Hinz.

Sie hatte es bis zum Mitglied des Deutschen Bundestags geschafft, als im Sommer 2016 ihr Kartenhaus zusammenfiel. Abitur, erfolgreiches Jurastudium und damit auch das juristische Staatsexamen waren erfunden. Sie war nie Anwältin, niemals Juristin in einem Unternehmensmanagement und auch keine freiberufliche Juristin. Und doch stand all dies in ihrem Lebenslauf, über den sie dann stürzte. Das Abgeordnetenmandat gab sie auf. Hinz war übrigens schon früher aufgefallen, im Jahr 2012, weil mehr als 20 frühere Mitarbeiter, die sie während ihrer politischen Karriere in Nordrhein-Westfalen und später im Bund beschäftigte, schwere Mobbingvorwürfe gegen sie erhoben. Hinz stritt alles ab. Später kam heraus, dass die Vorwürfe alle stimmten.

Ein gefährlicher Moment im Leben eines Hochstaplers

Es müssen ja nicht nur Lügen sein, die aufeinander aufbauen. Nein, auch das, was Donald Trump während der Vorwahlen der Republikaner und später während seiner Kandidatur als Präsidentschaftskandidat dieser Partei absonderte, waren so gewaltige Lügen, dass es im Gebälk krachte. Hätte jemand dabei die Aktivität seiner Amygdala gemessen, es wäre vermutlich ein Negativwert dabei herausgekommen. Andererseits: Wenn Trump ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, was viele natürlich anzweifeln, so müsste er zumindest zu Beginn seiner Kampagne noch ein schlechtes Gewissen gehabt haben – als er mit dem notorischen Lügen begann. Später stumpfte dann auch sein Angstzentrum im Kopf ab. Das ist ein gefährlicher Moment im Leben eines Hochstaplers und Schwindlers.

Fortgesetztes Lügen führt dazu, dass der Ausstoß von Emotionen in der Amygdala immer weiter absinkt

Fortgesetztes Lügen führt dazu, dass der Angstimpuls in der Amygdala immer weiter absinkt. Bild: Wikipedia

Denn Lügen haben kurze Reue, und schon bald gar keine mehr. Eben noch eine Notlüge und schon ein riesiger Betrug durch eine falsche Aussage? Es geht mitunter schnell. Wenn die Amygdala erst einmal so abgestumpft ist, dass sie auf eine Unwahrheit praktisch nicht mehr reagiert, dann sinkt die Hemmschwelle des Schwindlers weiter. Es wird öfter gelogen und die Lügen werden immer größer. Die Forscher, die die Studie leiteten, hatten zunächst vermutet, dass auch der Nucleus accumbens einen Einfluss auf die Lüge zum Zweck der Selbstbevorteilung ausübe. Doch das Belohnungszentrum, als das der Nucleus besser bekannt ist, reagierte immer gleich stark, wie die Wissenschaftler herausfanden. Das konnte nur heißen, dass allein die Amygdala für die rasante Zunahme der Lügen verantwortlich ist.

Ob in der Hochfinanz, im Profisport oder in der Politik: Überall beginnen die großen Karrieren von Lügnern mit einem vergleichsweise kleinen Schwindel. Schon so mancher Zeitgenosse musste deshalb den Zusatztitel „Baron von Münchhausen“ ertragen. An den reicht aber noch nicht einmal der designierte US-Präsident Donald Trump heran.


Na, auch schon mal eine (Not-)Lüge benutzt? Hin und wieder machen wir das schon, vor allem, um niemanden zu verletzen. Heute Abend auf ein Bier? Äh, nein, ich fühl mich erkältet… Erzähl doch mal, wie du das so machst!

Quelle Titelbild: Wikipedia 

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About Author

Freier Journalist und Texter. Recherchiert und schreibt über alles, was nicht 08/15 ist und Eindruck hinterlässt. Ist gern unterwegs in der Weltgeschichte.