Wer nach New York reist, ist häufig insbesondere von Manhattan beeindruckt. In den ersten Stunden fällt es den meisten schwer, den Blick von den imposanten Wolkenkratzern abzuwenden. Die Insel an der Mündung des Hudson Rivers hat aber noch deutlich mehr zu bieten als das One World Trade Center, das Empire State Building und das Rockefeller Center. Neben der Wall Street wartet der New Yorker Stadtteil auch mit Little Italy, der berühmten Fifth Avenue, dem Central Park und dem Grand Central Terminal auf – und einer dünnen, weißen Schnur. Sie umspannt ein Gebiet von etwa 40 Quadratkilometern und wird Touristen bei all den Sehenswürdigkeiten vermutlich nicht einmal auffallen. Doch was hat es damit auf sich?

Ein Behelf für die jüdische Gemeinde

Der Ursprung des merkwürdigen Fadens ist im Judentum zu finden. Denn im jüdischen Glauben ist es verboten, am Sabbat zu arbeiten. Dieser dauert vom Eintritt der Dunkelheit am Freitag bis zum Eintritt der Dunkelheit am darauffolgenden Samstag und ist das einzige jüdische Fest, das in die Zehn Gebote aufgenommen wurde. Demnach soll man den Sabbat heiligen, denn er ist eine Erinnerung an Gottes Ruhetag aus der Schöpfungslehre. So soll man sich an diesem Tage den Raum nehmen, um sich seiner Religion und sich selbst zu vergewissern.

Nach jüdischem Glauben fallen all jene Tätigkeiten unter Arbeit, die den Lauf der Dinge und die äußere Umwelt beeinflussen. Beispielsweise darf man keinem Beruf nachgehen, nichts aufschreiben, nicht fernsehen, nicht Autofahren oder kochen und auch keine Dinge außerhalb des Hauses tragen. Sicherlich stärken diese Vorschriften das Familienleben in einer scheinbar immer hektischer werdenden Zeit. Doch es kann sicher auch als störend empfunden werden, solch strenge Regeln befolgen zu müssen.

Die weiße Schnur rettet den Sabbat

Um dem Transportproblem außerhalb des Hauses zu begegnen, kam man schon vor langer Zeit auf die Idee, den Wohnbereich auszuweiten. In Siedlungen galt fortan die Regel, dass eine geschlossene Mauer einen gemeinschaftlichen Wohnbereich definiert. Innerhalb dessen Grenzen durften dann auch Dinge in der Hand getragen werden. Später ging man nur noch zu einer symbolischen Begrenzung über, die lückenlos sein muss. Eine dünne, weiße Schnur reicht dafür bereits aus.

Weiße Schnur

Grenze eines Eruvs im New Yorker Stadtteil Queens, Quelle: Wikipedia/Res malka

In Manhattan wird dafür größtenteils Angelschnur verwendet, was ein Grund ist, warum man die Begrenzung so schlecht sieht. Ein anderer ist, dass manchmal auch Gebäude ausreichen, sodass keine zusätzliche Symbolik verwendet wird. Neben Gebäuden sind auch kleine Lücken erlaubt, solange sie weniger als 15 Fuß breit sind. Denn dies wird als Durchgang angesehen.

Um sicherzustellen, dass der Faden aber ansonsten tatsächlich lückenlos ist, fährt Rabbi Moshe Tauber die Strecke des sogenannten Eruvs in Manhattan jeden Donnerstag mit seinem Fahrrad ab. Nachdem er alle defekten Stellen notiert hat, lässt er sie am nächsten Tag von zwei Handwerkern reparieren. So können Juden in Manhattan während des anstehenden Sabbat ab Freitagabend darauf vertrauen, dass sie Sabbat-Regeln nicht unwissentlich verletzen.

Solche Bereiche, in denen gewisse Dinge auch am Sabbat erlaubt sind, gibt es übrigens nicht nur in New York. Insgesamt gibt es über 150 solcher Bereiche außerhalb Israel. Besonders in vielen nordamerikanischen Großstädten wie Toronto, Dallas und Washington aber auch im australischen Melbourne sind Eruvs zu finden. In Israel selbst existieren sogar noch weit mehr Zonen dieser Art.


Habt Ihr bereits von dieser Schnur gehört oder sie sogar gesehen? Wir sind gespannt, ob einer unserer Leser sie bereits entdeckt hat. Vor unseren Augen blieb sie bisher verborgen.

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About Author

Mich faszinieren besonders politische sowie wirtschaftliche Zusammenhänge in der Welt. Dazu recherchiere ich gern selbst und werde euch die Früchte meiner Arbeit regelmäßig präsentieren. Außerdem liebe ich Filme, sodass ihr euch auch auf das ein oder andere Review freuen dürft.