Viele Amis sind ja gern ein bisschen spleenig, auch die Mitglieder der Tag Brothers. Zehn Männer aus Spokane, Washington, spielen seit 1990 jeden Februar ein Fangenspiel übers ganze Land hinweg. Eine irre Geschichte darüber, wie man Freundschaften erhält.

Aus einer Spaßidee wurden die Tag Brothers

Ganz im Osten des Bundesstaats Washington, an der Columbia-Hochebene, die in die Rocky Mountains übergeht, liegt Spokane, etwa 210.000 Einwohner. Zehn von ihnen sind inzwischen mindestens lokale Berühmtheiten, und das liegt daran, dass sie einen leichten, aber liebenswerten Knall haben. Fangenspielen ist Jungssache, und wer etwas anderes behauptet, sollte mal mit Mike, Joe, Patrick, Brian, Mark, Chris, Sean, Rick, Ake und Beef ein paar Bier trinken und sich eine Geschichte erzählen lassen. Die Geschichte der Tag Brothers. „To play tag“, das ist die englische Bezeichnung fürs Fangenspielen, und genau das ist es, was die zehn reiferen Jungs jedes Jahr im Februar treiben. Allerdings muss man ein wenig ausholen, um zu verstehen, was es damit auf sich hat.

Spokane, Washington

Spokane in Washington, die Heimat der Tag Brothers. Hier hat alles begonnen. Quelle: Flickr

Ganz normale Schüler waren die zehn Burschen, als sie 1982 auf der Gonzaga Preparatory School in ihrer Heimatstadt das Fangenspielen entdeckten. Es ging einfach so los, und wer am Ende des Tages der Abgeschlagene war, der war es über Nacht. Wer es am letzten Schultag vor den Ferien war, der war es eben über die Ferien. Und am letzten Schultag überhaupt war es am Ende Joe. Und der „fand das zum Kotzen“, wie Mike einer deutschen Online-Zeitschrift 2013 erzählte. Also haben die zehn Männer 1990 beschlossen, aus dem Ernst einen Spaß zu machen. Und damit Joe es nicht bis ans Lebensende sein muss.

Ins Schlafzimmer eingedrungen

Kurz gesagt: die zehn Männer haben das Fangenspielen für vier Wochen im Jahr zu ihrem Lebensinhalt gemacht. Immer im Februar zählt nichts anderes als die Tag Brothers. Übers ganze Jahr können es die Männer nicht spielen, es wäre zu teuer und zu aufwendig. Das versteht man erst, wenn man ein paar der Geschichtchen kennt, die die Tag Bros in den letzten 26 Jahren so angesammelt haben.

Die Männer haben unterschiedliche Berufe, ein Anwalt ist dabei, ein Automechaniker, ein Manager und sogar ein Priester. Und sie wohnen längst nicht mehr alle in Spokane, sondern zum Teil in Kalifornien, in Boston und anderswo in den USA. Wer es also gerade ist, muss sich schon ins Flugzeug setzen, um einen der anderen zu erwischen – so wie Mike Konesky in den frühen Neunzigern, der nach Kalifornien flog, mitten in der Nacht in Brians Haus eindrang, um ihn in dessen Schlafzimmer abzuklatschen. Dass Brians Freundin, die ebenfalls im Bett schlief, keinen Herzanfall bekam, war wohl nur der Tatsache geschuldet, dass alle Frauen und Kinder immer eingeweiht waren in das, was die Tag Brothers da treiben.

Zwei Tage im Gebüsch gewartet

In Amerika sind schon Leute für weniger erschossen worden, denkt man unwillkürlich. Als Mike es Anfang der Neunziger schon wieder war, wollte er Chris erwischen, also ab in den Flieger nach Boston und ihm vor dessen Appartement auflauern. Blöderweise war Chris verreist, aber Mike ließ sich nicht unterkriegen und wartete 48 Stunden in einem Gebüsch vor der Wohnung. Heute würde so einer nach einer Stunde von der Polizei aufgegriffen werden – und er käme in schwerste Erklärungsnot.

Fangen vor 250 Jahren

So hat das Fangspiel vor etwa 250 Jahren ausgesehen. Aufgemalt von Nicolas Lancret. Quelle: Wikipedia

Joe „Beef“ Caferro war es einmal fast so ergangen. Er wollte Patrick Schultheis abschlagen, also versteckte er sich in der Lobby von dessen Bürogebäude. Stunde um Stunde ging das so, bis irgendwann der Sicherheitsdienst argwöhnisch wurde. Die Security kaufte Joe die Story nicht ab, sondern schmiss ihn raus. Inzwischen gibt es jede Menge solcher Skurrilitäten bei den Tag Brothers. Lustig sind auch die Originalclips vom „Abschlagen“, die die Tag Brothers seit Jahren auf ihrem YouTube-Kanal einstellen.

Hollywood möchte die Tag Brothers verfilmen

Weil die zehn Mitglieder neben YouTube auch noch eine eigene, eher ungepflegte Website und eine Seite bei Facebook unterhalten, sind irgendwann ein paar Journalisten auf ihre Fährte geraten. Und angeblich ist auch Hollywood an dem Stoff dran, Will Ferrell und Jack Black sollen zwei der Tag Brothers auf der Leinwand geben. Noch ist unklar, wann der Film zu sehen sein wird. Mike Konesky hätte den Wunsch, dass er von Ferrell gespielt wird. Eine finanzielle Entlohnung für die zehn Fänger und ihre Familien wäre wohl auch drin, allerdings nichts, womit man reich werden könnte, wenn man Mike glaubt.

Sowieso wissen die Tag Brothers genau, dass sie kaum Rechte an ihrem Stoff halten. Praktisch jeder darf einen Film drehen über ein paar Männer, die Fangen spielen. Außerdem wird es ein Spielfilm werden, keine Dokumentation. Die Frage ist, ob ein Spielfilm auch das Hauptthema der Tag Brothers transportieren kann: Freundschaft. Denn um nichts anderes geht es schließlich. Wer übers ganze Land verteilt lebt und nur noch via Facebook Kontakt hält, verliert irgendwann die Nähe. Davon ist Mike Konesky überzeugt. Genauso wie davon, dass auch die Familien involviert sein müssen.

Frauen und Kinder wissen Bescheid

Anders ginge es ja auch gar nicht, als dass die Familien eingeweiht sind. Und sie finden das Spiel grandios. Die Töchter, Söhne und Frauen der Spieler beschützen ihre Väter – oder sie reiten sie rein, damit sie abgeschlagen werden. Der „Nido“ erzählte Konesky, wie er seine Töchter beim Einkaufen einmal im Februar gebeten hatte, ihm Bescheid zu sagen, wenn Joe Tombari im Supermarkt aufkreuzen würde, weil Joe es damals war. Minuten später tauchte Joe tatsächlich auf, Mikes Töchter kreischten noch, dass ihr Vater wegrennen müsse, doch ein paar Minuten später hatte Joe ihn nach einer wilden Hatz durch den Laden erwischt. Mikes Töchter fanden das Spiel auf Anhieb toll.

Kein Tag Bro schreckt inzwischen noch vor etwas zurück, wenn es darum geht, einen anderen abzuschlagen. Sie verkleiden sich als alte Frau, als Bauarbeiter oder als Nonne, um unbedarften Mitspielern irgendwo aufzulauern. Ins Gefängnis musste bis jetzt noch keiner von ihnen für eine derartige Abschlag-Aktion. Aber eine böse Verletzung gab es dann doch schon.

Priester aus dem Kofferraum

Daran war ausgerechnet Sean, der Priester, beteiligt. Als er es gerade mal war, half Mike ihm, Joe dranzukriegen. Mike flunkerte Joe an, dass er in einem Kofferraum ein sperriges Möbelstück transportieren müsse und ob Joe ihm nicht beim Entladen helfen könnte. Joe willigte ein. Aber statt des Möbels war Sean im Kofferraum, der heraussprang und Joe abschlug. Allerdings stand Joes Frau direkt daneben – und erschreckte sich so sehr, dass sie zurückzuckte und über die Kante des Bürgersteigs stolperte. Krankenhaus. Aber nichts Ernstes, wie Mike beteuert.

Mike in München

Auch in München wurde Mike schon mal abgeschlagen – allerdings zwei Tage zu spät. Quelle: Flickr

Schon eher ernst war es damals, als Patricks Vater starb. Dachten alle. Es war, natürlich, in einem Februar, wie könnte es anders sein, und neun der zehn Tag Brothers waren bei der Beerdigung. Eigentlich wollten sie das Spiel an jenem Tag aussetzen, aber dann erzählte Patrick, dass sein Vater von dem Spiel wusste und es super fand. Da beschlossen die Männer, an diesem Tag weiterzuspielen, was natürlich dazu führte, dass sie sich auf der Trauerfeier und bei der Beisetzung die ganze Zeit gegenseitig abschlugen.

Bis Mitternacht in einer Bar

Der 28. Februar – in Schaltjahren der 29. – ist für jeden Tag Bro ein besonderer Tag. Da beginnt das große Zittern und Verstecken. Keiner will es am Morgen des 1. März sein, weil das bedeutet, dass man es mindestens elf Monate lang ist. Am 28. Februar passieren die schrägsten Dinge. Sie verkleiden sich als Bauarbeiter oder Greise, um sich gegenseitig irgendwo aufzulauern. Einmal war es Beef am letzten Tag, und er wollte Joe, den Lehrer, vor dessen Schule erwischen. Der aber hatte irgendwie damit gerechnet und seine Tochter beauftragt, mit einem Fluchtwagen vor dem Gebäude zu warten und Joe so zu retten – was auch gelang.

Aber Beef gab nicht auf, er hatte ja noch ein paar Stunden Zeit. Und seine Bemühungen wurden belohnt. Kurz vor der Deadline um Mitternacht gelang es ihm noch, Rick abzuschlagen, der es dann für elf Monate war. Unvorsichtigerweise hatte Rick sich nicht mit Mike und ein paar anderen in einer Bar verschanzt, um Beef aus dem Weg zu gehen.

Sicher ist es nirgendwo

Warum es gerade der Februar geworden ist? Ein „toter Monat“ ansonsten, zwischen dem Jahreswechsel und dem Frühlingsbeginn schleppt man sich so dahin. Die Inlandsflüge sind günstiger, weil nirgendwo Ferien sind, der Spring Break ist noch fern. Dennoch hat Mike einmal 1.000 Dollar für ein Flugticket ausgegeben, um einen der Jungs abzuschlagen. Bitter ist dann nur, wenn eine Tarnung auffliegt, weil die Verkleidung etwas zu auffällig ist – so wie Mikes aufgeklebter dicker, schwarzer Schnurrbart, als er sich mal als Bauarbeiter verkleidet hatte.

Sicher ist, dass keiner sicher ist im Februar. Vor allem, wenn die eigene Familie den Freunden verrät, wo Papa sich gerade aufhält. So ist aus dem harmlosen Spiel aus der Schule nun ein Band geworden, das zehn Menschen und ihre Familien als Freunde zusammenhält. Nicht schlecht für das vielleicht älteste Spiel der Welt.


Verrücktes Hobby? Oder nur ein lahmer Spaß im Vergleich zu spleenigen Dingen, von denen Du schon gehört hast? Viel Spaß beim Diskutieren!

Quelle Titelbild: Wikimedia


Zum Bluefacts Buch

Nicht vergessen: Bluefacts gib es jetzt auch als Buch! Gefallen Euch unsere Fakten? Dann holt Euch jetzt unser Buch 1.000 unglaubliche Fakten und unnützes Wissen. Wir freuen uns auf Euch.




Share.

About Author

Freier Journalist und Texter. Recherchiert und schreibt über alles, was nicht 08/15 ist und Eindruck hinterlässt. Ist gern unterwegs in der Weltgeschichte.